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Aktueller Standpunkt von Bürgermeister Michael Dreier - Tag der Heimat

Aktueller Standpunkt von Bürgermeister Michael Dreier - Tag der Heimat

Bürgermeister Dreier
Festrede zum Tag der Heimat des Bundes der Vertriebenen
Vereinigte Landsmannschaften Kreisverband Paderborn e.V.
am 9. September 2012 in der Sälzerhalle
von Bürgermeister Michael Dreier:

Sehr geehrte Damen und Herren,

als erste Veranstaltung zum "Tag der Heimat" gilt die Kundgebung vor dem Stuttgarter Schloss am 6. August 1950, bei der die Charta der deutschen Heimatvertriebenen feierlich verkündet wurde. Seitdem finden jährlich bundesweit zahlreiche Veranstaltungen zum "Tag der Heimat" statt. An diesem Tag gedenken die deutschen Vertriebenen der Flucht und Vertreibung aus ihren Heimatgebieten. So auch heute hier in der Sälzerhalle.

In den letzten Jahren habe ich Sie als Bürgermeister der Stadt Salzkotten zum "Tag der Heimat" willkommen geheißen und Ihnen einen schönen Nachmittag gewünscht. Heute ist alles anders. Heute ist es mir eine große Ehre, die Festrede zum "Tag der Heimat" zu halten, der unter dem Leitwort

"Erbe erhalten - Zukunft gestalten"

steht.

In diesen sehr einfach gesprochenen Worten steckt viel mehr Inhalt, als es uns oft bewusst ist. Schnell ist gesagt: „Wir möchten das Erbe erhalten."

Aber was bedeutet dieses eigentlich?

Die Herkunft hinterlässt selbstverständlich immer bleibende Spuren im Leben - das gilt für jeden Menschen. Jeder von uns hat einen Ort, eine Region, die er als seine Heimat bezeichnen würde. Viele von Ihnen, die heute an dem "Tag der Heimat" des Kreises Paderborn teilnehmen, mussten ihre Heimat verlassen. Sie sind vertrieben worden aus

• Ostpreußen,
• Westpreußen,
• Danzig,
• Pommern,
• Schlesien,
• Oberschlesien
• und dem Sudetenland

und konnten somit ihren Lebensort nicht frei wählen.

Die Wappen Ihrer einstigen Heimat hängen im Foyer unseres Rathauses und erinnern uns jeden Tag an die schrecklichen Ereignisse aus jener Zeit.

Aber Sie alle haben neue Orte der Heimat gefunden. Es sind neue Identitäten gewachsen. Das Gefühl, dass man an einem neuen Wohnort angekommen ist, entsteht nicht über Nacht - aber es wächst und entwickelt sich in den Jahren. Die deutsche Geschichte ist geprägt von Vertreibung, aber auch immer wieder von Ankommen und Neubeginn. Den Aufbau von neuen Identitäten in einer neuen Umgebung erleben wir heute auch im Zusammenschluss von Europa. Länder wachsen zusammen, verbinden sich und stärken sich durch die gemeinsame Arbeit.

Auch der Bund der Vertriebenen setzt sich aktiv für die europäische Integration ein. Das Zusammenwachsen Europas ist ein Prozess, der bereits weit gediehen und vermutlich einzigartig ist. Zwischen den Ländern gibt es zahlreiche Brückenbauer, die Vergangenes überwinden und neue Wege zueinander finden.

Auch unsere Städtepartnerschaften zu Kommunen in europäischen Ländern tragen hierzu bei.

Seit dem Jahr 2009 pflegt die Stadt Salzkotten unter anderem eine Städtepartnerschaft mit der Stadt Bystrice pod Hostýnem in Tschechien.

Besonders bei den Besuchen zwischen diesen Städten wird immer wieder die Vergangenheit aufgearbeitet und werden Erfahrungen sowie Erlebnisse ausgetauscht.
Dies ist besonders für die jüngeren Teilnehmer des Austausches interessant und steht genau für Ihren Leitsatz "Erbe erhalten - Zukunft gestalten".

Der Bund der Vertriebenen im Kreis Paderborn pflegt einen sehr engen Kontakt zu dem Partnerschaftskreis Altenburg. Altenburg liegt nicht in einem europäischen Nachbarland, sondern in Thüringen, aber bei vielen Treffen konnten sich die Mitglieder über ihre Lebensgeschichten, Erfahrungen und Empfindungen austauschen.

Leider findet in diesem Jahr erstmals seit Langem keine Begegnung statt.

Als Bürgermeister bin ich zusammen mit den Ortsvorsteherinnen und Ortsvorstehern und den Kreistagsmitgliedern oft bei Goldenen oder Diamantenen Hochzeiten oder auch bei 90. oder 95. Geburtstagen, um im Namen der Stadt Salzkotten, aber auch ganz persönlich, zu gratulieren. Bei diesen Begegnungen erfahre ich oft viel von den zum Teil bewegten Lebensgeschichten der Jubilare.

So habe ich vor einiger Zeit bei einer Diamantenen Hochzeit auch die Familie Jeran kennengelernt.

Herr Oswald Jeran hat mir von seiner Lebensgeschichte erzählt und sprach nicht ohne Stolz von seiner Heimat in Schlesien.

Oswald Jeran kommt gebürtig aus dem Ort Mönchmotschelnitz im Kreis Wohlau in Schlesien. Dort verbrachte er seine Kindheit. Sein Vater, Georg Jeran, hatte einen landwirtschaftlichen Betrieb in Mönchmotschelnitz. Oswald Jeran war zwölf Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Ende des Jahres 1944 wurde er als 17-jähriger in den Krieg ins Ostsudetenland gerufen.

Im Januar 1945 flüchteten die Dorfbewohner von Mönchmotschelnitz vor den Russen ins Riesengebirge. Im Juni kamen die Dorfbewohner zurück in ihr Heimatdorf.

Oswald Jeran befand sich in dieser Zeit immer noch im Krieg. Er war in der Zwischenzeit als Fallschirmjäger im Sperrverband Stargart und musste den Rückzug der Infanterie decken. Die Engländer kamen über Bad Bentheim über die Ems und den Dortmund-Ems-Kanal über Lengerich nach Friesoythe. Hier wurde Oswald Jeran von englischen Soldaten gefangen genommen und nach Brüssel in ein Gefangenenlager gebracht.

Im August 1946 wurden die Dorfbewohner und die Verwandten von Oswald Jeran vertrieben und enteignet. Die Familie Jeran kam nach Kleinenberg im Kreis Paderborn.

Viele der ehemaligen Dorfbewohner kamen nach Westdeutschland, überwiegend nach Nordrhein-Westfalen, andere blieben in Ostdeutschland, in der späteren DDR.

Oswald Jeran musste als Gefangener als Kohlenhauer in einer Kohlengrube in Lüttich-Vottem arbeiten und erfuhr erst Ende des Jahres 1946 durch einen Zufall die Adresse seiner Familie. Im Oktober 1947 wurde er aus der Gefangenschaft entlassen und begann im Kreis Paderborn bei seiner Familie eine Tischlerlehre. In den folgenden Jahren lernte er seine Frau kennen und baute sich im "neuen" Zuhause eine Zukunft auf. Sie haben einen Platz in der neuen Umgebung gefunden und sind "angekommen". 1958 zog er mit seiner Familie nach Thüle und wohnt heute in Salzkotten.

Dieses Beispiel beschreibt ein Schicksal von einem Menschen, der seine Heimat in jungen Jahren verlassen musste, dies steht symbolisch für eine Vielzahl von ähnlich gelagerten Einzelschicksalen. Doch nicht jeder hatte das Glück, eine neue Heimat zu finden. Tausende Menschen starben, bevor sie eine neue Heimat gefunden hatten.

Viele Menschen und Familien sind durch die Vertreibung auseinandergerissen worden und haben Freunde, Verwandte oder auch Familienmitglieder verloren. In einer neuen Umgebung und einer "fremden Welt" waren die Vertriebenen auf sich allein gestellt. So entstanden schnell Verbindungen und Freundschaften in neuen Gemeinschaften unter den Personen, die Ähnliches erlebt hatten.

Herr Jeran traf so in Salzkotten auf eine Verwandte, die ganz in der Nähe seines Heimatortes lebte.

Noch heute verbindet diese Menschen eine gemeinsame Geschichte. Sie alle genießen die Zeiten, in denen sie sich dieser Vergangenheit stellen und im Dialog über die Erfahrungen austauschen können.

Oswald Jeran ist heute nicht bei uns in der Sälzerhalle, aber bei einem ähnlichen Treffen in Thüle. Dort verbringen Vertriebene aus seinem Heimatort und aus zwei Nachbarorten den Tag der Heimat und werden sich ebenso wie wir an die Vergangenheit erinnern.

In unserer heutigen Zeit sind die Konsequenzen der damaligen Vertreibung nicht mehr vorstellbar. Zu sehr ist jeder Bürger in seinen eigenen Rechten, besonders in dem Heimatrecht, bestärkt und setzt sich eben für dieses ein. Und genau das ist richtig und wichtig.

Auch wenn wir heute vor anderen Problemen oder Schwierigkeiten stehen, ist es immer das Wesentliche, dass wir uns für unsere Rechte einsetzen.
Jeder Mensch, jeder Bürger hat eine Stimme, die er immer dann erheben soll und muss, wenn seine Rechte gefährdet sind.

Mit gemeinsamer Kraft können die Menschen viel bewegen, das haben wir bereits oft unter Beweis gestellt. Heute möchten wir uns dafür einsetzen, dass die Vergangenheit nicht vergessen wird. Dass wir uns erinnern und das Geschehene nicht vergessen.

In der Einladung zu der heutigen Veranstaltung wurde ein Gedicht von Rolf Krenzer beschrieben. Es beschreibt eine Person, die beim Träumen an die Heimat denkt und von den Erfahrungen in der Heimat berichtet. Ich finde, es führt uns allen sehr gut vor Augen, was Heimat bedeutet und welche Gefühle damit verbunden sind.

Nicht umsonst heißt der Spruch unserer Schützenvereine "Glaube, Sitte, Heimat".
Auch hier in der Sälzerhalle, die von dem Hallenbauverein getragen wird, der zum Schützenverein gehört, wird dieser Spruch hochgehalten und gelebt. In zahlreichen Projekten engagieren sich die Schützen für unsere Gesellschaft. Ich möchte hier nur die Altenwohnheime nennen, die vom Schützenverein getragen werden.
Zur Einrichtung der Wohnheime wurde der Verein zur Förderung des Baues und der Unterhaltung des Altenwohnheimes Salzkotten e. V. gegründet.

Eines dieser Wohnheime ist das "Felix-Klingenthal-Haus" im Schatten unserer St. Johannes-Kirche.
In diesem Haus wohnte bis kurz vor seinem Tod Herbert Klar mit seiner Frau Luzia. Herbert Klar war jemand, den man auch als stillen Helden des Alltags bezeichnen könnte. 1923 in Großgiesmannsdorf in Schlesien geboren, erlebte er den Schrecken des Zweiten Weltkrieges und kam als Vertriebener nach Salzkotten. Er fand hier seine neue Heimat und arbeitete lange Jahre als Bäcker. Den Bezug zu seiner alten Heimat hat er jedoch nie verloren.

Wenn Sie von der Sälzerhalle zu unserem Gradierwerk gehen, sehen Sie auf der rechten Seite eine Grünanlage, die zur Erinnerung an die Vertreibung errichtet worden ist. Hier ist ein kleines Stück alte Heimat für die Vertriebenen entstanden.

Herbert Klar hat sich ohne Auftrag auf eigene Initiative über 20 Jahre lang um die Pflege der Grünanlage gekümmert.
Über 10 Jahre hielt er die Anlagen und das Pflaster um die St. Johannes-Kirche herum, beim Heimathaus und beim Altenwohnheim sauber, ebenso die Flächen beim Tretbecken, jahrelang auch die Flächen um das Gradierwerk herum - und dies alles ehrenamtlich.

Dieses Beispiel zeigt, dass sich die Vertriebenen in der neuen Heimat integriert und sich für die Gemeinschaft engagiert haben.

Für seine Verdienste wurde Herbert Klar, der leider bereits im November 2010 verstorben ist, mit der Ehrennadel der Stadt Salzkotten ausgezeichnet.

Auch Herbert Klar hat sich bei seinem Wirken an Ihren diesjährigen Leitsatz gehalten: "Erbe erhalten - Zukunft gestalten".

Das Erbe muss an die nächsten Generationen weitergetragen werden, aber indem wir gemeinsam die Zukunft gestalten. Gerade junge Leute sollten wir darauf aufmerksam machen, wie bedeutsam die Heimat für jeden Menschen ist. Die Gefühle der Vertrautheit und Verbundenheit sind untrennbar mit der Heimat verbunden. Es dauert sehr lange, bis sich diese Empfindungen in der Ferne entwickeln.

Aber Sie alle haben es geschafft, einen neuen Bezugsort zu finden. So auch der von mir erwähnte Oswald Jeran. Er hat im Kreis Paderborn ein neues Zuhause gefunden. Er war im Gemeinderat in Thüle und in der Amtsvertretung des Amtes Salzkotten-Boke. Dies zeigt seine enge Verbundenheit zu dieser Region.

Heute verschwinden unsere Grenzen in Europa zusehens. Die Politik setzt sich für ein offenes und gemeinsames Europa ein. Unsere Länder verbinden so viele Geschehnisse der Vergangenheit, viele davon sind leider durch Krieg geprägt.

Umso wichtiger ist es, besonders für uns Deutsche, ein offenes Europa zu pflegen, in dem wir geschwisterlich leben. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, die Geschichte und die Kulturen und Traditionen unserer Heimatländer zu pflegen. Dies muss aber nicht hinter jeder Grenze geschehen, sondern gemeinschaftlich im europäischen Raum.

Im vergangenen Jahr durften wir den europäischen Gedanken aktiv in Salzkotten leben. Im Frühsommer fand ein Treffen der Partnerstädte aus Frankreich und Tschechien statt. Dies war nicht nur ein Austausch, sondern ein Treffen von Freunden. Vor 60 Jahren wäre dies noch nicht möglich gewesen.
Unsere Volkstanzgruppe "Danzdeel", aus deren Kontakten die Partnerschaft nach Tschechien mit der Stadt Byst?ice pod Hostýnem entstanden ist, feierte vor zwei Wochen in dieser Sälzerhalle ihr 40-jähriges Jubiläum gemeinsam mit jeweils einer Gruppe aus Tschechien und Slowenien. In Zeiten des Kalten Krieges pflegte die Gruppe bereits Kontakte ins Ausland und trug so durch die kulturelle Arbeit zum Zusammenwachsen von Europa bei.

Heute ist es für die junge Generation fast selbstverständlich, dass, wie beim Hederauenfest vor zwei Wochen, die "Majoretten", eine große Gruppe Kinder und Jugendlicher aus Tschechien, nach Salzkotten kamen und unser Stadtfest mit ihren Tanzauftritten bereicherten.

Dank der Arbeit des Bundes der Vertriebenen gerät das Erbe nicht in Vergessenheit und gestaltet durch Erinnerungen an die Vertriebenen auch die Zukunft.

Stellvertretend danke ich dem Kreisvorsitzenden Rainer Hippauf für die wichtige Arbeit, die der Bund der Vertriebenen leistet.

Behalten Sie sich alle die Erinnerungen an die Vergangenheit und erzählen Sie sie weiter.

Lassen Sie aber auch die Erinnerung an Ihre Vergangenheit in die Gegenwart einfließen.

So wie die Eheleute Lydia und Herbert Müller, die nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs 1989 bei einem Besuch in ihre Heimat Pommern eine Linde mitgebracht und diese auf dem Kütfelsen in der Nähe unseres Rathauses eingepflanzt haben. Ein Stück alte Heimat in der neuen Heimat, so könnte man einfach sagen.

Lydia Müller hat es anlässlich des 90. Geburtstages ihres Ehemanns Herbert am 24.08.2012 allerdings viel schöner formuliert:

Die Linde

1989 haben wir die Linde aus Pommern mitgebracht. Wir wohnten in Straßenhof bei Drawehn Kreis Köslin. Der Ort lag etwa 35 km südlich von der Ostsee. Der Ort hieß deshalb Straßenhof, weil die Bauernhöfe meistens an der Straße lagen. Wir sind oft in der Heimat gewesen. Auf unserer Hofeinfahrt stehen nur noch die zwei alten Linden. Die damalige Hofstelle ist nun mit Sträuchern bewachsen. Wir fanden eine kleine Linde und sagten uns: „Die nehmen wir mit nach Salzkotten." In Salzkotten hatten wir jedoch ein Problem, denn wir hatten ja bei unserem Haus keinen Garten. So entschlossen wir uns, die "kleine Linde" auf den Kütberg zu pflanzen.

Heute ist es eine "große Linde" geworden. Nun hat der Bürgermeister stellvertretend für die Salzkottener Bürger hinter dem Rathaus eine Linde aus Domuwitz!
Ein Andenken aus der Heimat!

Es heißt ja ...
"Vor meinem Vaterhaus steht eine Linde,
vor meinem Vaterhaus steht eine Bank.
Und wenn ich sie einst wiederfinde,
dann bleibe ich ein Leben lang!"

Ich wünsche uns allen einen schönen und geselligen Nachmittag.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.











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